Nawalny und der Sacharow-Preis

 von Jörg Hoffmann

Die peinlichste Lachnummer aller Zeiten ist, den Sacharow-Preis für geistige Freiheit ausgerechnet an Alexej Nawalny zu verleihen. Dieser Preis ging bisher jedenfalls immer an Personen, die sich tatsächlich für Freiheit, Versöhnung und Menschenrechte eingesetzt haben, wie z.B. Nelson Mandela (Südafrika) oder Alexander Dubcek (Tschechoslowakei). 

 

Was für eine propagandistische Meisterleistung von EU und Westmedien, nun mal einen rechtsextremen Ultranationalisten damit zu beglücken. 

Aber die Preisverleihung war nicht etwa nur diplomatische Dummheit, wie damals bei der Kranzniederlegung von Kohl auf Nazi-Gräbern in Bitburg. Ganz im Gegnteil: Vielmehr versuchen unsere Medien schon seit vielen Jahren, den (auf)rechten Putin-Gegner Nawalny, als einen Vertreter für Menschenrechte aufzubauen und hochzustilisieren – anscheinend mit Erfolg. 

 

Wer ist dieser Alexej Nawalny? 

Denn seit 2014 lässt sich Nawalny nur allzu gerne als Vorreiter für Freiheit und Demokratie auf Demos in Russland in einem Meer von weiß-rot-blauen Nationalfahnen ablichten. Auch vor 2014 hat Nawalny schon eifrig demonstriert, jedoch Seite an Seite mit … Ja, und hier kommt sein düsterer „Doppelgänger“ ins Spiel, sein Mr. Hyde: Nawalny war nämlich im ersten Millenniums-Jahrzehnt ganz eifrig mit einigen rechten Kameraden unterwegs, die in einer Berichterstattung der Westpresse gar nicht gut wegkommen würden. Die Rede ist vom sogenannten „Russischen Marsch“. 

In https://de.wikipedia.org/wiki/Russischer_Marsch heißt es dazu: 

Der Russische Marsch ist eine seit 2005 jährlich stattfindende Demonstration von Monarchisten, konservativen Christen, aber auch Rechtsextremisten in Russland. Die Märsche finden am 4. November zu Ehren der nationalen Einheit in Moskau und anderen Städten statt. Die Demonstranten fordern, Lenin aus dem Mausoleum zu entfernen, wollen „Russland den Russen“ lassen und wenden sich gegen Gastarbeiter aus Zentralasien und dem Kaukasus. Bürgerrechtler und Migrantenverbände kritisieren, die Demonstrationen vertieften ethnische Spannungen. Zu den Demonstrationen kommen allein in Moskau mehrere tausend Menschen. Teilnehmer sind erzkonservative orthodoxe Christen, Familien mit Kindern, aber auch Nationalisten, Neonazis, Hooligans, Skinheads, Neofaschisten sowie Rassisten. 

 

Na, da haben wir ja das ganze Horrorkabinett beisammen! Wobei mich persönlich das „aber“ zwischen „erzkonservative orthodoxe Christen“ und dem Rest der Addams-Family (ausgenommen natürlichFamilien mit Kindern“) ein wenig stört. Aber das buche ich mal unter Religionsfreiheit ab. 

 

Und weiter heißt es im Wiki-Artikel: 

Alexej Nawalny, führender oppositioneller Aktivist, warnte davor, alle Demonstranten als Rechtsextremisten abzustempeln, die den Hitlergruß machten. Der überwiegende Teil setze sich aus ganz normalen Leuten zusammen [… solchen wie ihm etwa?]. Er selbst nimmt aber seit 2013 nicht mehr teil. 

 

Richtig! Man soll ja aufhören wenn’s am schönsten ist. Und wer meint, Nawalny sei nur mal hier und da als Demonstrant mitgelatscht, der kann im betreffenden Wikipedia-Eintrag erfahren: 

Nawalny trat 2011 auf diversen Kundgebungen rechter Gruppierungen als Redner auf. Am 22. Oktober 2011 nahm er am rechten Russischen Marsch in Moskau teil, zu dessen Organisationskomitee er auch gehörte. Die linke taz schrieb Ende 2011, Nawalny schrecke nicht davor zurück, nationalistische Stimmungen in der russischen Gesellschaft für seinen Kampf zu instrumentalisieren. Die sozialistische Tageszeitung Neues Deutschland nannte Nawalny in einem Bericht aus dem Jahr 2012 einen „lupenreinen Nationalisten“. Der ins Ausland geflüchtete ehemalige Regierungsberater Sergej Maratowitsch Gurijew bemerkte hingegen 2013 zu diesem Thema, Nawalny habe seine Einstellung zu Nationalisten geändert. Der SPIEGEL berichtete im Jahr 2020, dass bei Nawalny – „bis auf die Forderung nach freiem Waffentragen“ – „vom Nationalisten und Fremdenfeind wenig geblieben“ sei. 

(https://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Anatoljewitsch_Nawalny#Politische_Positionen) 

 

Interessant, was der SPIEGEL so alles zu wissen meint! Apropos „Forderung nach freiem Waffentragen“: Das ist bei Nawalny nicht einfach nur so ein Spleen à la amerikanischem Freiheitsverständnis. Nein, die Waffen haben ihren ganz bestimmten Zweck, wie der YouTuber Mirko Drotschmann in einem Video seines Kanals W2G (Wissen To Go) zu berichten weiß: 

Im Jahr 2007 musste Nawalny eine Partei verlassen, in der er bis dahin aktiv war, Jabloko heißt diese Partei. Die Begründung [für den Parteiausschluss] damals war, Nawalny würde stark nationalistische Ansichten vertreten. Kurz darauf hat sich Nawalny beim sogenannten Russischen Marsch engagiert, einer jährlichen Demonstrationsreihe von Konservativen, aber auch von Rechtsextremen. Es gibt Bilder von der Veranstaltung, da sieht man Neonazis, die den Hitlergruß zeigen. Teilnehmer fordern auf Plakaten: Russland den Russen! Immer wieder tauchen Symbole aus der Nazizeit auf. Nawalny hat sich zwar teilweise vom Russischen Marsch distanziert, aber auch er ist mit extrem rechten Aussagen in der Vergangenheit aufgefallen. Der MDR schreibt dazu in seiner Rubrik Ostblogger in einem Artikel […]: So zeichnete Nawalny 2008 mehrere Clips für die Bewegung NAROD, russisch für „Volk“, auf. Darin sprach er sich etwa für freien Waffenbesitz aus für den Fall, „dass Kakerlaken in unsere Wohnungen eindringen“ – gemeint waren mit den „Kakerlaken“ Migranten. Zwar distanzierte er sich damals schon von den gewaltbereiten Neonazis, forderte aber die „präzise, aber bestimmte Deportierung, von dem, was uns stört“. „Wir Nationalisten wollen nicht, dass man aus Russland die Wurzel russisch entfernt“, erklärte der aufstrebende Politiker damals. 

(https://www.youtube.com/watch?v=NBhQjirlsS0&t=203s) 

 

Migranten als „Kakerlaken“? „Deportierung von Störenfrieden“? Waffen als „Schutz“ gegen Fremde? Na, daneben klingt doch ein Faschist wie Björn Höcke fast wie ein umgänglicher Sozialdemokrat. Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, weshalb Nawalny vor 2013 kaum in den Westmedien zu sehen war. Da hätte er wohl eher den bösen Antagonisten und menschenverachtenden Volksverhetzer abgeben können als die strahlende Ikone der Demokratie. 

Und das Tolle ist: Um bei der empathischen Westpresse gut anzukommen, musste er nur ein ganz klein wenig auf seine Umgangsformen achten und auf bestimmte Ausdrücke verzichten – alles taktische PR-Kniffe, die während seines Yale-Studiums für politische Führungskräfte in den USA zum Standardkurrikulum gehörten. 

Und kaum lässt sich die Lichtgestalt Nawalny auch nur erahnen, schon schmeißt sich eine Gazette wie der SPIEGEL ran und macht sich zum Erfüllungsgehilfen für mutmaßliche Fakenews: der angebliche Anruf im Kreml bei seinem mutmaßlichen Attentäter. Aber wie schon das Motto von Charity-Events lautet, das Ganze dient ja einem guten Zweck, nämlich der Propaganda gegen den „Schreckensfürsten“ im Kreml. Und was kümmert uns, was der zwielichtige Herr Nawalny früher öffentlich deklamiert hat, wenn wir das Kunststück hinkriegen, ihn heute als Dumbledore präsentieren zu können. Denn genau darauf zielt der „konstruktive“ mediale Neuanfang Nawalnys à la Westpresse ab: Irgendwann muss ja mal Schluss sein mit der ewig gestrigen Vergangenheit! 

 

Tja, da kann ich mit dem Liedermacher-Duo Simon & Jan nur sagen: Ham‘ mer schon gehabt, hat sich nicht bewährt! Denn so clever wie Nawalny war Adolf Hitler damals auch schon. Seiner anfänglichen Warrior-Attitüde bis zum gescheiterten Hitlerputsch 1923 hat er während seiner einjährigen Festungshaft in Landsberg abgeschworen und sich vom braunen Agitator und SA-Führer zum „bürgerlichen“ Politiker gewandelt. So war er dann danach auch fürs Kapital tragbar und fürs Großbürgertum wählbar – mit Erfolg. Selbstverständlich ist Hitler seinen eigentlichen Gedanken und Zielen auch über seine Metamorphose hinaus uneingeschränkt treu geblieben, wie man Jahre später nach einem Weltkrieg und der Schoa unschwer feststellen konnte. 

 

Und Nawalny? Nun, er muss sich nicht ausgerechnet an Hitler ein Beispiel genommen haben. Es reicht völlig, wenn die clevere Strategie der Blumen- und Farbrevolutionen der Amis Eindruck auf ihn gemacht hat: Versuchs mal mit „demokratiefreundlicher Gutmenschlichkeit“ statt mit völkischer Hetze. In diesem Sinne wurde auch die Hintergrund-Deko ausgetauscht: Statt den schwarz-gelb-weißen Flaggen der Romanows sieht man heute die weiß-blau-roten Nationalistenfahnen bei den Demonstrationen. Aber beides sind liebevoll gepflegte Relikte aus der Zarenzeit. Alles nur propagandistische Kosmetik. Denn mal ehrlich, was würden Sie denken, wenn hierzulande ein Aufmarsch in ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold gebettet wäre? Mir käme da jedenfalls nicht gerade eine Menschenrechts-Demo in den Sinn.… Obwohl … der SPIEGEL bekäme sicherlich auch diesen PR-Drahtseilakt hin. Denn wie schon Reichspropagandaminister Goebbels wusste: Es ist egal, ob eine Behauptung wahr oder falsch ist; wichtig ist nur, dass sie oft genug wiederholt wird. 

 

Allenfalls könnte man Nawalny mit viel, viel Wohlwollen als nationalistischen Opportunisten bezeichnen. Aber solche haben wir in der €U bereits mehrere. Einer davon heißt Victor Orban. Und auch er hatte ja seinen eigenen „Vorgänger“ in sich selbst. Nur war’s hier genau umgekehrt wie bei Nawalny. Früher war Orban neoliberalistisch eingestellt. Heute zeigt er darüber hinaus noch offen sein fremden- und demokratiefeindliches Gesicht. Wie’s mit Nawalnys politischen Einstellungen und Zielen stünde, wenn er gegebenenfalls erst mal Präsident Russlands wäre, kann man nur vermuten – oder befürchten. 

 

Auf jeden Fall: Um seinen Dritten Weltkrieg agitatorisch vorzubereiten, braucht der Westen solche Galionsfiguren wie Nawalny, sozusagen als Diapositiv zu der sonstigen Drohkulisse wegen vermeintlicher militärischer Interventionspläne Putins in der Ukraine. Da passt die medienwirksame Preisverleihung zur rechten Zeit prima ins propagandistische Kriegstreiber-Konzept.