Jenseits des Kapitalismus

Ausgangsfrage:

Dass der Kapitalismus, der von einigen verharmlosend und verschleiernd „Marktwirtschaft“ genannt wird, offenbar an sein Ende gekommen ist und daher immer offener seine immanente Brutalität zeigt, müsste eigentlich für jedes Wesen mit hinreichend Verstand offensichtlich sein. Vielleicht werden noch ein paar Jahre vergehen, bis das auch der letzte verschlafene Konsument und selbstgefällige Bessergestellte wahrgenommen hat. Frage: In welche Richtung müsste sich dann unsere Gesellschaft grundlegend verändern? Wie müsste ein alternatives Gesellschaftsmodell aussehen? 

Antwort auf Facebook in "Mensch und Politik heute": 

 Fakt ist, dass die Produktion und dessen Steuerung dezentral und bedarfsgerecht erfolgen müsste und nicht zentral erfolgen darf. Denn dass Zentralwirtschaft nicht funktioniert, hat man nicht nur an den ehemaligen Ostblock-Ländern feststellen können, die ja staatliche Zentralwirtschaft ausprobiert haben, sondern man kann es auch täglich an den großen Konzernen und anderen Organisationen beobachten, die zentral verwaltet werden. Von daher fällt mir nicht wirklich was anderes ein als Genossenschaften, wobei diese nicht in Konkurrenz zu einander stehen sollten, sondern jeweils den umliegenden Kreis mit Gütern versorgen sollten. Das würde auch der Umwelt zu Gute kommen, damit die ewig langen und unnötigen Transportwege wegfallen würden. Was wäre denn Ihre Idee? 

Von mir nachgehakt:

 Genau: lokal organisierte Genossenschaften, die die Bevölkerung der Umgebung versorgen und die nicht zueinander in Konkurrenz stehen. Das ist es! Aber wie soll das funktionieren, wenn Leben und Wohlstand der Genossenschaften und ihrer Belegschaft ausschließlich vom Verkauf ihrer Produkte und damit von den Weltmarktpreisen abhängig sind und sie damit zwangsläufig in Konkurrenz zueinander stehen?
Meine Antwort darauf ist:
1.)    Es darf generell nicht mehr „verkauft“ werden. Kaufen und Verkaufen müssen wegfallen und damit das gesamte Geldsystem. Die Produktion darf grundsätzlich nur zum lokalen und vor allem gemeinschaftlichen Eigenbedarf erfolgen, was Geld generell überflüssig macht. Denn das Übel liegt nicht erst in den Machenschaften der Kapitalisten, Vermögenden und ihrer Politschranzen und Wasserträger, sondern schon ganz allgemein in der Produktion von Tauschwert. Alles was in unserer heutigen Gesellschaft produziert wird, ist ausschließlich Tauschwert (Waren). Die Produzenten (Arbeitenden) sowie die kapitalistischen Eigentümer sind davon abhängig, die Produkte als Waren so schnell wie möglich und auf Teufel komm raus loszuwerden, was eine gewaltige und völlig unnötige konkurrenzgetriebene Überproduktion nach sich zieht. Und über die Preise des Geldsystems sind wir alle dann abhängig vom gesamten, also globalen Wirtschaftssystem, anstatt uns resilient und damit unabhängig von den Weltmarktpreisen zu machen. 

2.)    Das zieht nach sich, dass der gesamte organisierte Handel – egal ob regional oder global – wegfällt. Was nicht schlimm wäre, denn organisierter Handel zwingt die Menschen in Konkurrenz und damit in die Überproduktion des Zwangstauschsystems der Kapitalmärkte. Mit einer Gebrauchswertproduktion (anstatt Tauschwertproduktion) würde dagegen nur lokal und zum Eigenbedarf der Gemeinschaft produziert werden. Und nur dann wären „Genossenschaften“ auch wirklich gemeinschaftliche Eigenbedarfsproduzenten. Allenfalls bei Engpässen in Nachbargemeinschaften würden Lebensmittel (im weitesten Sinne) geschenkt, nicht getauscht werden. 

Mit der lokalen Produktion würde auch Ausbeutung und Naturzerstörung minimiert oder zumindest offengelegt, die ja in den heutigen überregionalen und globalen Produktionsketten für Konsumenten wie Produzenten unsichtbar sind, da nur über Zahlen (Preise) vermittelt. 

3.)    Auch der im Konkurrenzsystem liegende Zwang zur Automatisierung würde durch lokale Eigenbedarfsproduktion (Ausstieg aus dem Geldsystem) wegfallen. Man wäre nicht mehr gezwungen, auf die Rentabilität großer Maschinen und Industrieanlagen zu spekulieren, indem man über alle Maßen und den Eigenbedarf hinaus produzieren muss. 

Also: Herstellung und Nutzung von Maschinen: Ja, aber mit Umsicht und nur zum naturverträglichen Gemeinwohl! Und Maschinerie so wenig wie möglich, nur so viel wie nötig! Menschliche Arbeit wäre dann auch wieder weniger überfordernd und gesundheitsschädlich, sondern diente stattdessen (wieder) mehr der Selbstverwirklichung – nicht nur der individuellen, sondern vor allem der gemeinschaftlichen Selbstverwirklichung.

Apropos, das Geldsystem wird in absehbarer Zeit sowieso überflüssig werden durch den zunehmenden tendenziellen Fall der Profitrate, wie Marx sehr trefflich analysiert hat. Damit einhergehend wird aber gleichzeitig auch menschliche Arbeitskraft überflüssig. 

Die ganzen Zusammenhänge kann ich hier an dieser Stelle natürlich nur ganz grob skizzieren. Ausführlich habe ich das alles dargestellt in meinem Buch:
Jörg Hoffmann: Quo vadis, homine? , Paramon Verlag 2020


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Erste Antwort auf Facebook war:

Der Kapitalismus ist ja in erster Linie ein Wirtschaftssystem, auch wenn das in großem Maße die Gesellschaft prägt. Wirtschaftliche Alternativen wären m. E. Gemeinwohl- und  Fundamentalökonomie, Genossenschaften, Wirtschaftsdemokratie, Cradle to Cradle, Degrowth - und aus diesen Ansätzen dann was Sinnvolles zusammenbasteln. Auf gesellschaftlicher Ebene wären dann m. E. basisdemokratische Verfahren sinnvoll, um eine breite Akzeptanz für systematische Änderungen zu sichern.

 

Nachgehakt:

C2C (Cradle-to-Cradle) setzt auf sogenannte „ideale Stoffkreisläufe“. Diese sind aber genauso unmöglich wie ein Perpetuum Mobile, weil es immer Abrieb und Qualitätsminderung geben wird (siehe die Faserbrüchigkeit im Recycling-Papier) und weil wir demgemäß immer auf Stoffentnahme aus der Natur angewiesen sind. Und das Hauptargument, dass alle Konsumwaren essbar und somit „weiterverwertbar“ gemacht werden sollen, widerspricht den „idealen Stoffkreisläufen“. Vielmehr belegt dieses Verlegenheitsargument, dass wir immer auch auf die Recycling-Tätigkeit der Natur angewiesen sind (Beispiel Nahrung), sonst würde man jetzt schon aus Fäkalien Möbel herstellen, aber wer will das schon, insbesondere bei der Vorstellung, sie wieder verkonsumieren zu müssen. Dagegen ist jedes technische Recycling, philosophisch gesehen, quasi das Eingeständnis, dass wir über unsere Verhältnisse leben, auch wenn das Wiederverwerten noch so effizient abläuft. Man gerät nämlich damit möglicher Weise in die Rebound-Falle, d.h. dass der absolute Mehrverbrauch steigt, weil die Produkte durch Recycling immer billiger werden, so dass die Effizienz-Einsparungen absolut wieder durch Mehrkonsum überkompensiert werden. Und wenn wir die „verdaubar“ gemachten Gebrauchsgegenstände aufessen, dann sind sie weg und müssen neu produziert werden. 

 

Degrowth ist meines Erachtens ein Etikettenschwindel: Man versucht damit im Kapitalismus zu verbleiben, ihn aber zu zähmen, indem man versucht, dem System den „Motor“ Wachstum auszubauen und hofft, dass es dann einfach noch weiter läuft. Denn Wachstum ist im Kapitalsystem unumgänglich, um die durch Automatisierung wegrationalisierten Arbeitsplätze auf höherer Ebene neu zu besetzen: Die Arbeitsplätze werden immer teurer und lassen sich nur über gesteigerte Produktivität finanzieren. Und auch für das Kapital ist Wachstum unerlässlich wegen der (tendenziell) immer weiter fallenden Profitrate. Das hat ebenfalls mit der Automatisierung zu tun: Nur menschliche Arbeit schafft einen Mehrwert, den sich der Investor als Profit aneignen kann. Da immer weniger Menschen im Verhältnis zu Maschinen an der Produktion beteiligt sind, wird auch die Profitrate pro Produkt tendenziell immer kleiner. Rentabilität lässt sich so nur über eine höhere Stückzahl erreichen, d.h. über Wachstum. Insofern ist Kapitalismus fast ein Synonym für Wachstum. 

 

Gemeinwohlökonomie und Fundamentalökonomie fasse ich mal als eines zusammen: Der Staat soll für die Versorgung aller Bürger mit ausreichend „providentiellen“ Gütern, also Grundwaren wie Wasser, Energie, Nahrungsmittel, Mobilität sorgen, da diese nicht dem Marktpreisen unterliegen dürfen. Schließlich wird Brot und Butter für die Menschen nicht wertvoller oder wichtiger, wenn sie teurer wird. Also soll der Staat diese Waren aus dem Marktsystem herausnehmen und politisch bepreisen. Aber selbst die DDR-Regierung war sich im Klaren darüber, dass sie die Preise für providentielle Waren irgendwie gegenfinanzieren muss, z.B. indem sie den Trabbi dafür teurer macht. 

 

Wirtschaftsdemokratie ist ein sozialdemokratisches Modell aus den 20er Jahren und heute fast gleichbedeutend mit Mitbestimmung der Arbeitenden in den Betrieben bzw. des Staates. Das Problem daran ist, dass nur die einzelnen Betriebe in sich selbst „demokratisch“ geführt werden. Untereinander stehen die Firmen jedoch weiterhin im Konkurrenzkampf. Und der kann nur zu Marktgesetzen geführt werden: der Zwang zu immer mehr Produktivitätssteigerung durch Automatisierung & Wachstum. Und wenn durch zunehmende Automatisierung immer mehr Stellen wegfallen, dann kann auch die schönste innerbetriebliche Mitbestimmung nichts daran ändern, dass immer mehr Leute aus dieser Wirtschaftsdemokratie wegfallen. Diesbezüglich gewinnt ja auch das Leiharbeits- und Zeitarbeits-Unwesen immer mehr an Bedeutung. Aber auch, wenn der Staat auf reale Arbeitsplätze mit allen sozialen Absicherungen dringen würde und damit das Outsourcing von Arbeit bekämpfen wollte, würde das dann nur dazu führen, dass offensichtlich würde, dass viele Betriebe gar nicht mehr konkurrenzfähig sind ohne diese „Bescheißerle“-Mechanismen eines „Freien“ Marktes. 

 

Und damit komme ich schon zum letzten der angeführten Begrifflichkeiten: dem Basisdemokratischen Verfahren als generelle demokratische Grundlage einer Gesellschaft: Das, was wir gewohnt sind als „Demokratie“ bezeichnen, ist nur eine politische Demokratie. Ausgeklammert ist der wichtigste und größte Teil, nämlich unsere materielle Grundlage. Wir bezeichnen sie als „Wirtschaft“ und tun so, als könnten wir sie durch Gesetze und Politik beherrschen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass es genau umgekehrt ist: Weil unsere materielle Lebensgrundlage nun mal unser Leben fundamental bestimmt, sind wir alle in diesem Punkt korrumpierbar und erpressbar. (Es ist wie in einer Gesellschaft aus Drogenabhängigen, die zwischen 2 Parteien wählen können: die eine bietet einen begleiteten Entzug an, die andere sichert weiterhin ungehinderten Zugriff auf Drogen zu. Welche wird wohl mehrheitlich gewählt werden?) 

In Wahrheit regiert tatsächlich Geld die Welt und nicht die (politische) Meinung der Wähler. Denn diese wird, ob es ihr bewusst wird oder nicht, insgeheim von den Markgesetzen geprägt und nur oberflächlich gesehen von den politischen und sozialen Gesetzen. Daher geben wir uns auch lieber mit „grünsozial“ scheinende, aber im System verbleibende Reförmchen mit weiterhin bestätigter Konsumgarantie zufrieden, als dass wir eine wirkliche und notwendige Neuorientierung auch nur gedanklich fassen könnten. 

 

Als Fazit bleibt also meines Erachtens die Frage bestehen: In welche Richtung müsste sich dann unsere Gesellschaft grundlegend verändern? Wie müsste ein alternatives Gesellschaftsmodell aussehen?