Die Krawalle von Stuttgart- 

Hat unsere Gesellschaft ein Gewaltproblem?

Von Jörg Hoffmann, Juli 2020


Die Nacht vom 20. auf den 21. Juni am Eckensee im Stuttgarter Schlosspark: Während einer Personenkontrolle auf Drogen an einem 17-Jährigen greifen umstehende Jugendliche die Polizisten an, woraufhin diese Verstärkung anfordern. Auch die Jugendlichen rufen per Social Media zum Stelldichein, worauf immer mehr von ihnen zusammenkommen. Die Lage eskaliert und gerät außer Kontrolle. Ergebnis: bürgerkriegsähnliche Zustände, 24 Festnahmen, beschädigte und geplünderte Geschäfte, Brandanschläge, Zerstörung und Verwüstung von Teilen der Stuttgarter Innenstadt. Sind wir hier mittlerweile in der Bronx? Oder in den Banlieue von Paris? 

 

Vorweg: Die Gewaltexzesse sind aufs Schärfste zu verurteilen. Nur sollte man weder bei bloßer Empörung, noch, wie Innenminister Seehofer, beim Ruf nach harten Strafen stehenbleiben, denn damit reagiert man nur auf die Oberfläche des Problems. Ganz im Gegenteil sehe ich die Ausschreitungen nicht vorrangig und schon gar nicht ausschließlich als eine polizeiliche und juristische Angelegenheit an, denn dann würde man die Staatsorgane damit alleine lassen und die Sache auf ihrem Rücken austragen. Und nach den Pressemitteilungen zu urteilen, hat sich die Polizei völlig korrekt verhalten. Auch die Gerichte werden vermutlich angemessen reagieren, was für derartig willkürliche und dumpfe Gewaltexzesse durchaus harte Strafen für die Täter bedeuten kann. Mit Recht (im doppelten Sinne: juristisch und moralisch)! 

 

Aber dadurch werden die Ursachen des Problems nicht angegangen. – Aber was sind die Ursachen? Und um was für ein Problem handelt es sich eigentlich? 

 

Worum es geht

Nun, oberflächlich gesehen ist klar: Es geht um die zunehmend offene Gewaltbereitschaft junger Menschen in unserer Gesellschaft insbesondere gegenüber Ordnungs- und Rettungskräften. Und das Problem ist wahrlich kein deutsches, sondern international. Besonders in Frankreich kommt es in den ghettoähnlichen Vororten von Paris, den sogenannten Banlieue, seit Jahren regelmäßig zu Krawallen, und das oft in mehreren Nächten hintereinander und mit noch viel größerer Schadensbilanz an Mensch und Material als in Stuttgart. Auffällig ist, dass die Randalierer sehr jung sind, Jugendliche und Heranwachsende im Alter von 14 bis Ende 20, selten über 30. 

 

Was ist nur los mit den jungen Menschen? Sie sind doch nicht alle gewaltbereit und gewalttätig. Viele sind wirklich nett, hilfsbereit und konstruktiv – siehe Fridays for future. Das trifft aber für einen wachsenden Teil von ihnen offensichtlich nicht mehr zu. Was sind die Ursachen für ihre Wut? Oder ist es gar keine Wut, die sie zu Gewaltexzessen treibt? 

Das Problem reicht in Wirklichkeit wesentlich tiefer als man gemeinhin respektive der friedlichen Oberfläche unseres Gemeinwesens vermuten würde. Und über die Ursachen wird in Politik und in Fachkreisen nachgedacht und debattiert. 

 

Laut dem Konfliktforscher Andreas Zick sind die Ausschreitungen in Stuttgart kein Beweis für einen allgemeinen Anstieg der Gewalttätigkeit von Jugendlichen. Diese sei, im Gegenteil, sogar in den letzten Jahren gesunken. Das wird auch durch die Statistik Zahlen, Daten, Fakten – Jugendgewalt vom Deutschen Jugendinstitut bestätigt. 

 

Was allerdings zu beobachten ist: Es gibt eine zunehmende Gewaltbereitschaft gegen Ordnungs- und Rettungskräfte. Und das nicht erst seit Corona. Sicher, die Polizei hat während des Lockdowns die Ausgangssperren gründlich kontrolliert, was natürlich bei manchen Leuten, zumal bei Jugendlichen, nicht gerade zu ihrer Beliebtheit beigetragen hat. Aber das erklärt nicht, warum die Übergriffe gegen Ordnungs- und Rettungskräfte schon seit Jahren zunimmt. Und schon gar nicht erklärt es die Krawallnächte der letzten Jahre in Frankreich. 

 

Der Bürgerschreck Kommunismus geht wieder um

In diesem Zusammenhang wird Stuttgart auch vereinzelt mit den Ausschreitungen in Hamburg zum G-20-Gipfel vor drei Jahren verglichen. Man erinnert sich noch der irritierenden Bilder: In der Elbphilharmonie lauschen die Dirigenten der Weltvermarktung und Vertreter des Kapitals zum Gipfelauftakt friedlich den musikalischen Klängen, während sich draußen ganz in der Nähe vermummte Autonome Straßenschlachten mit der Polizei liefern und Autos und Mülleimer in Brand stecken. 

Konservative Politiker, allen voran der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU), möchten daher, in ihrer üblichen Allergie gegen alles Linke, gerne eine Parallele sehen zwischen Hamburg damals und Stuttgart heute: den Angriff linksextremistischer Zellen gegen Staat und Gesellschaft. In ihrer notorischen Links-Hysterie blenden sie jedoch den größeren Zusammenhang aus: Gegen den G-20-Gipfel demonstrierten auch Zehntausende aus der breiten Mitte der Gesellschaft, so dass die gewaltsamen Ausschreitungen am Rande in diesem Zusammenhang nur als die Fortsetzung des Demonstrationsrechts mit anderen Mitteln zu sehen ist: Die Ausschreitungen waren zwar gewaltsam und klar gesetzeswidrig, aber dennoch vom politischen Motiv her ebenfalls eine Anklage gegen die ausbeuterische und strukturell gewalttätige Politik der Weltwirtschaftsgrößen des G-20-Gipfels, genauso wie es die anderen zigtausend friedlich Demonstrierenden auch gesehen und bekundet haben. Die Krawalle in Hamburg waren also eindeutig politisch motiviert. Die Mittel waren falsch, die dahinterstehenden Motive dagegen durchaus gut demokratisch, vergleichbar den Motiven der Fridays for Future

 

In Stuttgart findet man dagegen keine politischen Motive irgendwelcher Art, weder rechte noch linke. Dennoch versucht neben der CDU auch die AfD die Vorgänge in der üblichen konservativen Manier in eine bestimmte Richtung zu politisieren: Der Bundestag hat am Freitag über die Ausschreitungen in Stuttgart diskutiert. Die AfD sprach von einem Mob aus Migranten und Linksextremisten. Grünen-Politiker Özdemir warf der Partei Hetze vor. […] Sie gebe Migranten die alleinige Schuld an den Ausschreitungen in Stuttgart, ohne die Hintergründe zu kennen. (swr aktuell online vom 03.07.) 

In diese Kritik an der Ausländerhetze stimmen löblicherweise auch andere ein, wie man weiter lesen kann: Die ehemalige SPD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, Ute Vogt, warnte vor eindimensionalen Antworten. Für die Gewaltexzesse gebe es viele Ursachen. Es seien ganz unterschiedliche Menschen aus allen Schichten und mit allen Herkünften dabei gewesen. Ähnlich äußerte sich auch Linken-Politikerin Gökay Akbulut aus Mannheim. Mehr als die Hälfte der Tatverdächtigen in Stuttgart seien Deutsche. Die AfD mache Migranten wieder einmal zum Sündenbock.

Schön dass sich alle demokratischen Parteien darin einig sind, dass nicht „Ausländer“ für alle Missetaten verantwortlich sind. Aber darüber hinaus wehrt sich keiner der Politiker gegen die groteske Behauptung, es sei ein linksextremistischer Anschlag. Peinlich für die Abgeordneten der Linken, dass ausgerechnet erst jemand von der FDP gegen die rechte Verschwörungstheorie von AfD und CDU Einspruch erheben muss, wie man im selben Artikel lesen kann: Der FDP-Politiker Benjamin Strasser (Wahlkreis Ravensburg) kritisierte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU). Dieser habe ohne Belege über eine Beteiligung von Linksextremisten an den Ausschreitungen sinniert. Damit beteilige sich Strobl wie die AfD an einer Mythenbildung. 

Auch der Grüne Ministerpräsident Kretschmann leistet der Verschwörungstheorie von einer linken Zelle Vorschub, denn Kretschmann sprach am Dienstag zudem von einem "Linksextremisten", der dabei gewesen sein soll. (SWR aktuell online vom 02.07.)

Nein, ist es denn möglich, tatsächlich doch ein einziges Exemplar dieser höchst seltenen Gattung? Na, der müsste ja schon fast unter Artenschutz gestellt werden. Die gutbürgerlichen Honoratioren greifen also schon nach einem lächerlich dünnen Strohhalm, um die „große Gefahr“ des Linksextremismus aus längst vergangenen Zeiten mit aller Gewalt wie einen Zombie neu zu beleben. Vermutlich tun sie dies (auch), um von den eigentlichen Ursachen abzulenken. Aber was sind die Ursachen?

 

Warum so viel Gewalt?

Wie es die rechten Demagogen und Verschwörungstheoretiker auch drehen und wenden, es lässt sich für die Krawalle in Stuttgart einfach keine einheitliche politische Zielsetzung konstruieren, weder von rechts noch von links. Es waren spontane Reaktionen auf eine alltägliche Routinekontrolle der Polizei. Auch drei Wochen danach lassen sich keine gegenteiligen Verdachtsmomente bestätigen, wie Spiegel panorama online vom 26.06. zu berichten weiß: Die Stuttgarter Polizei rüstet sich gegen erneute Randale an diesem Wochenende in der Innenstadt. Hintergrund sind unter anderem Mobilisierungsversuche im Internet. "Vereinzelt kam es in den letzten Tagen zu Gewaltaufrufen auf verschiedenen sozialen Kanälen", bestätigt Polizeisprecherin Monika Ackermann auf Anfrage. Die Aufrufe seien ernst zu nehmen. Dahinter stünden weder eine spezielle Gruppierung noch erkennbar politische Motive.

 

Im Gegenteil ist die Motivlage laut dem Psychologen und Radikalismus-Forscher Ahmad Mansour anscheinend sehr diffus: Er betont, dass die Motive der Männer nicht einheitlich seien: Manche hätten eine linksradikale Ausrichtung, andere religiöse Motive. Das müsse noch genauer untersucht werden. Welche Rolle die Nationalität der Männer bei den Ausschreitungen gespielt habe, sei noch unklar. Zwölf von 24 festgenommenen Personen haben einen Migrationshintergrund. [Gewaltforscher Andreas] Zick hält es für irreführend, den Migrationshintergrund als wesentlichen Faktor der Gewalteskalation zu sehen. (WDR online vom 22.06.)

 

Was aber bleibt an Erklärungsversuchen, wenn politische Motive und Migrationshintergründe wegfallen? Ganz einfach die übliche bunte Palette psychologischer Begründungen: 

 

Zum Beispiel sieht der Kriminologe Christian Pfeiffer die Hauptursache der Krawalle in der Innenstadt von Stuttgart in den Coronavirus-Beschränkungen. „Da ist viel aufgestauter Ärger vorhanden“, sagte der frühere Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen der „Augsburger Allgemeinen“ (Dienstagausgabe). „Wir haben viele Verlierer durch Corona“, betonte Pfeiffer. „Hinzu kommt, dass die Leute mehrere Wochen wie eingesperrt waren, wenn man es mit dem uns sonst vertrauten Leben vergleicht. Menschen, die eingesperrt waren, sind aggressiver.“ (Focus online vom 01.07.)

 

[Gewaltforscher Andreas] Zick erklärt noch einen weiteren psychologischen Effekt: Die jungen Männer hätten im Verlauf der Ausschreitungen ausgeblendet, dass sie anderen schaden. Stattdessen sei die Gewalt zum gemeinsamen emotionalen Erlebnis geworden: „Auf einmal fühlt man sich mächtig und stark. Es kann auch zeigen, dass man den öffentlichen Raum unter Kontrolle hat und nicht die Polizei." Auch die eigene Inszenierung der öffentlichen Gewalt spiele eine Rolle, also ob die Männer sich danach auf Fotos und Videos in sozialen Medien sehen. […] 

Zick erklärt, dass die Drogenkontrolle der Polizei bei dem 17-Jährigen dazu geführt habe, dass sich viele junge Männer mit ihm identifiziert hätten. Viele hätten sich wahrscheinlich gar nicht gut gekannt, sich aber mit dem 17-Jährigen solidarisiert - durch ein gemeinsames Feindbild gegen die Polizei. 

 

Die letzte Bemerkung zielt schon etwas in die Richtung der Black Lives Matter-Bewegung, wie auch der folgende Artikel wiedergibt: Laut Ahmad Mansour verunglimpfen einige Gruppen in Deutschland die Polizei nun seit einigen Wochen, Gewalt gegen Polizisten werde relativiert - vor dem Hintergrund der weltweiten Diskussion über Gewalt, die von der Polizei ausgeht. Durch die Relativierung von Gewalt gegen die Polizei verändere sich auch die Stimmung in der Bevölkerung - diese veränderte Stimmung sei in Stuttgart nun für eigene Gewaltfantasien ausgenutzt worden.(WDR online 22.06.)

So äußert sich auch Bundespräsident Steinmeier: Er habe kein Verständnis für die Gewalt, aber dass sich die Frustration auf diese Art entladen würde, überrasche ihn nicht. Es gebe seit einiger Zeit einen „Hype zum Polizeihass“ in der Stadt. (Zeit online vom 22.06.)

 

Andere sehen das Problem eher im Drogenkonsum einer zugekifften und beschwipsten Party- und Eventszene: Wer die Gewalttäter waren? Die Polizei sprach am Wochenende zunächst von Menschen aus der Stuttgarter „Partyszene“. Diese pauschale Verurteilung wird von den Clubbetreibern jedoch zurückgewiesen. Fethi Solomon, Veranstalter und DJ aus Stuttgart, sagte ZEIT ONLINE, die Personen der Szene am Schlossplatz, die an den Ausschreitungen beteiligt waren, seien eben jene, die für gewöhnlich nicht in die Clubs hineinkommen. (Zeit online vom 22.06. Titel: Warum diese Eskalation

 

Tja, alles ganz nett, aber doch nur so wischi waschi. Denn die psychologischen Begründungsversuche zielen nur auf die Oberfläche des Problems und beleuchten allenfalls die Anlässe oder Katalysatoren für die Gewaltausbrüche. Sie mögen zwar im Einzelfall nützlich und hilfreich sein für direkte Präventivmaßnahmen und die Wachsamkeit der Polizei. Aber sie taugen gar nichts, um tatsächlich die Ursachen zu ermitteln. Hierzu muss wesentlich tiefer geschürft werden, nämlich bis in die Grundstrukturen unserer Gesellschaft hinein. 

 

Stuttgart ist ja kein Einzelfall

In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Ereignis beachtenswert und sehr erhellend. Die Gewaltausbrüche in Stuttgart haben nämlich einen unmittelbaren Vorläufer. Die Rede ist von Krawallen Ende Mai diesen Jahres in Dietzenbach. 

Die Hauptstadt des Landkreises Offenbach mit ihren ca. 34.000 Einwohnern ist zum Beispiel gerade mal gut ein Drittel so groß wie Gießen, zeigt aber schon die üblichen Hässlichkeiten urbaner Großstadtkultur: Eine schicke Shoppingmeile, ein mondänes Rathaus-Center, ein breit angelegtes Gewerbegebiet und vor allem das weithin sichtbare Ghetto aus Hochhausburgen machen das Städtchen zur typischen Trabantenvorstadt im Einzugsgebiet von Frankfurt und Offenbach. Mithin kann man Dietzenbach zu den Banlieue des Rhein-Main-Gebietes zählen, mit der üblichen sozialen Brennpunktproblematik. 

 

Ende Mai nun haben dort Jugendliche die Ordnungskräfte regelrecht in einen Hinterhalt gelockt:

 

Krawalle in einem ehemaligen Brennpunktviertel in Dietzenbach überraschen Anwohner, Polizei und Politik.
Das Video schockiert: ein hoch loderndes Feuer, Rufe von Einsatzkräften – und plötzlich ploppende Geräusche von Steinen, die auf die Feuerwehrautos geworfen werden. Einer der Hausmeister der Hochhäuser im sogenannten Spessartviertel in Dietzenbach hat es auf seinem Handy, zeigt der FR-Reporterin damit, was in der Nacht von Donnerstag auf Freitag vor seinen Augen passiert ist: Polizisten und Feuerwehrleute wurden in der Großwohnanlage in einen Hinterhalt gelockt und zwei Stunden lang angegriffen. […] Wahlkreisabgeordneter Ismail Tipi ist am Vormittag an den Ort des Geschehens geeilt. „Das ist nichts Typisches für Dietzenbach, das kann und wird überall in Deutschland passieren“, sagt er. 
(Frankfurter Rundschau online, 31.05.2020)

 

Recht hat der Abgeordnete. Aber das kann nicht nur überall passieren, sondern auch immer wieder, wie der Artikel ebenfalls andeutet: Schon einmal, im Juli 2005, war dort Randale angesagt, griffen Jugendliche Polizei und Feuerwehr an, brannten Autos und Mülltonnen, war Dietzenbach tagelang in den Medien.

 

Tja, man höre und staune: schon 2005! Das lag noch vor der Weltwirtschaftskrise 2008 und lange vor der „Flüchtlingskrise“ 2015 und folgende. Hier lässt sich ganz bestimmt keine Migrationsproblematik und auch kein politischer Extremismus als Ausrede anführen. Schon weitaus eher hat es mit sozialen Brennpunkten zu tun, mit denen unsere Republik (und nicht nur unsere) trotz des Reichtums unserer Nation (oder vielleicht gerade deswegen) recht gut bestückt ist.  

 

Genau wie in Stuttgart kann man feststellen: Die gewaltbereiten Jugendlichen kommen weder aus dem rechten, noch aus dem linken Spektrum. Sie sind im Großen und Ganzen unpolitisch. Aber ihre Wut, die hat selbstverständlich sehr viel mit Politik zu tun, aber nicht bloß mit Tagespolitik. Denn die jungen Randalierer haben eines gemeinsam: Sie kommen aus den unteren sozialen Schichten. 

 

In diesem Zusammenhang sollte man also weniger auf die Politiker hören als vielmehr auf diejenigen, die in unmittelbarem Kontakt zu den Jugendlichen stehen: Die Sozialarbeiter haben in den Medien direkt nach den Krawallen in Stuttgart nämlich auf die allgemeine berufliche und gesellschaftliche Perspektivlosigkeit der jungen Leute hingewiesen. Diesen Aspekt hat die Politik sowie die bürgerliche Gesellschaft insgesamt natürlich nicht oder nur am Rande zur Kenntnis genommen. Oder geflissentlich ausgeblendet? Das wäre verständlich, denn anderenfalls müsste man ja sehr grundlegend und sehr kritisch über die Fundamente unserer Gesellschaft nachdenken. 

 

Perspektivlosigkeit bei uns – wie das denn?

Perspektivlosigkeit, soziale Brennpunkte und die Grundlagen unseres Gesellschaftssystems – wie kann man da einen Zusammenhang herstellen? 

Nun, das ist eigentlich gar nicht so schwierig, mit ein wenig nachdenken schafft das jede(r). Man muss den Zusammenhang nur sehen wollen: Menschen müssen nicht bereits grottenarm sein und in den Favelas der Entwicklungsländer hausen, um feststellen zu können, dass sie gesellschaftlich ausrangiert sind bzw. in naher Zukunft ausrangiert werden. Vielmehr registrieren sie schon lange vor dem großen Outsourcing, dass sich, entgegen dem marktwirtschaftlichen Propaganda-Slogan Leistung soll sich lohnen, für sie jedwede Leisterei überhaupt nicht mehr lohnt. Denn sie sehen es ja täglich in den Medien: Die wirklich Mächtigen & Vermögenden leisten nämlich gar nichts, sondern sie investieren einfach, und zwar zumeist zu allererst in die Vollautomatisierung unserer Gesellschaft. 

In den kommenden 10 bis 20 Jahren wird die globale Produktion vollautomatisiert werden, auch und gerade im Informatikbereich, dem ach so zukunftsträchtigen. Alle bisher bekannten Arbeitsplätze werden obsolet geworden sein, da eine voll durchdigitalisierte Maschinerie alles viel besser kann. Und die Menschen werden nach und nach abgehängt werden, auch die in den heute noch aussichtsreich scheinenden Berufe, wie Mediziner, Juristen, Journalisten. 

 

Abgehängt zu werden, ist die globale Zukunftsperspektive in einer marktwirtschaftlichen Welt und eben nicht das Wohlstandsparadies gutsituierter Bürgerlichkeit. Da ist auch für noch so „leistungsbereite“ (junge) Menschen kein Platz mehr vorgesehen. Und genau diese Perspektivlosigkeit registrieren (nicht nur) die Jugendlichen seismographisch genau, denn sie ist bereits sichtbar: Für eine wachsende Anzahl von Menschen in unserem Gemeinwesen, einem der reichsten der Welt, reichen die Perspektiven gerade mal von unsicheren Jahresverträgen über Prekariat bis Hartz-IV, was aber am Ende alles aufs Gleiche rauskommt. Denn es bedeutet letztlich, bei den Tafeln für Lebensmittel anzustehen, wenn nicht sogar nach selbigen in Müllcontainern zu wühlen. 

 

Genau solche Ausblicke haben die Jugendlichen in Dietzenbach, Stuttgart und anderswo vor Augen. Und wer jetzt gutbürgerlich zu bedenken gibt, dass man ja in unserem demokratischen Gemeinwesen, statt gewalttätig zu werden, auch wählen gehen oder gar selbst eine Partei gründen könnte, der hat Folgendes nicht bedacht: Wir leben zwar in einer Demokratie, aber in einer unvollständigen. Sie ist nur ein „Zuckerguss“ auf einem großen „Kuchen“, der aus den Ressourcen und Fertigungsanlagen zur Produktion unseres Wohlstandes besteht. Und dieser „Kuchen“ steht unter der alleinigen Herrschaft der großen Eigentümer. Über diesen „Kuchen“ wird keineswegs demokratisch entschieden, sondern nur per Willkür eines „freien“ Marktgeschehens. In einer solchen, bloß politischen und dazu noch parlamentarischen Demokratie sind auch alle existierenden Parteien, so unterschiedlich sie oberflächlich auch daherkommen mögen, allesamt Vertreter des Kapitals, also genau der Macht, die (nicht nur) den Jugendlichen zunehmend jede Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben nimmt. 

 

Und so werden die jungen Leute, genauso wie viele andere Abgehängte, auch in Zukunft weiterhin randalieren, und zwar, trotz aller rechtstaatlichen und gewaltpräventiven Maßnahmen, immer mehr, nicht immer weniger. Und die Social Media sind dazu ein passender Katalysator. 

Tja, so wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es eben auch wieder heraus: Kapitalistischer Zwang (zur Enteignung der Bevölkerung) führt eben wiederum nur zu Gewalt (durch eben jene enteignete Bevölkerung). Oder sollte man wohl statt Gewalt besser Gegengewalt sagen, sei sie auch noch so hilflos, sinnentleert und blindwütig? 

 

Nochmals: Ich finde Gewalt oder gar Gewaltexzesse wie in Stuttgart verwerflich. Aber sie sind in ihrer Entstehung nachvollziehbar, und zwar als sinnloser Ausdruck absoluter Hoffnungslosigkeit in einem System, das diese Hoffnungslosigkeit grundsätzlich, pausenlos und mit immer größerer Geschwindigkeit generiert. Dabei ist das marktwirtschaftliche Verwertungssystem, in dem wir alle leben, der eigentliche Generator der Gewalt. Die Randalierer geben sie nur ungefiltert und ohne nachzudenken weiter. Letzteres kann man ihnen dann zur Last legen, aber nicht mehr. 

 

Es lohnt sich also nicht, sich über Krawalle zu echauffieren. Vielmehr wird es Zeit, deren eigentliche Ursache in den Blick zu nehmen, nämlich die Herrschaft über den großen „Kuchen“ unter dem demokratischen „Zuckerguss“. 

 

 

(Von Jörg Hoffmann, Autor von Quo Vadis, Homine, Paramon Verlag, Mai 2020 und www.denkwuerdig.info)